Hilfe, wir sind in der Zeitung – Making of „Forever Young“ (Go Magazin ’12)

Hin und wieder greifen Medien das Thema “Adult Babys” in ihren Berichten auf. Das Go-Magazin der Reutlinger Journalistenschule mit dem Artikel „Forever Young“ ist das jüngste Beispiel. Wir möchten euch einen Einblick geben, wie dieser Text und die dazugehörigen Bilder entstanden sind und erzählen vom ersten Treffen bis zum fertigen Heft, wie wir es erlebt haben.

Es ist Ende September, wir sitzen in einem Berliner Café/Restaurant/Kneipe/Cocktailbar; was es ist, ist abhängig von der Tageszeit, um jederzeit das Richtige für die vorbeilaufende potentielle Kundschaft anzubieten. Es ist 15 Uhr, also ist es gerade ein Café. Auf unserem Tisch steht ein bunter Mix aus Kaffee, Kuchen, Bier und Radler.
Es ist der große Moment, auf den wir seit insgesamt drei Monaten gewartet haben, als das letzte Interview gemacht und die letzten Photos geschossen wurden.

Tiemo zieht aus seiner Tasche zwei Hefte des Go-Magazin, ein Magazin mit Seltenheitswert; herausgegeben von einer süddeutschen Journalistenschule wird es nicht am Kiosk verkauft, sondern geht bundesweit an die journalistischen Redaktionen von Zeitungs- und Magazinverlagen. Es ist die Visitenkarte für die jungen Journalisten, soll Türen öffnen und die eine oder andere veröffentlichte Story des Magazins auch in die großen, bekannten Zeitungen Deutschlands bringen.

Vom Titelbild blickt mich ein Schnuller an, ein sehr vertrauter Schnuller und mein eigenes Gesicht, zumindest ein kleiner Teil davon.  “Wow, mein erstes Cover” schießt es mir durch den Kopf. Unser Bild hat es tatsächlich auf das Cover geschafft und das “mit weitem Abstand vor allen anderen Bildern”, wie mir Tiemo versichert. Mein bärtiger Mund und darin der Nuk-Schnuller, den ich mir extra noch für das Photoshooting gekauft hatte, weil er farblich so schön zum Strampler passt.

Wie alles begann

Tiemo ist Journalist und Student der besagten Journalistenschule. Er hatte uns im Mai über diesen Blog kontaktiert mit der Idee, für das erwähnte Abschlussheft mit dem Thema “Kinder” eine Story über Adult Babys zu schreiben. Beim Thema “Kinder” etwas über Adult Babys zu machen schien uns sehr abwegig, aber die Idee kam in der Redaktion gut an, und plötzlich saßen wir in einer Bar und sprachen das erste Mal mit ihm über das Thema Windeln, Adult Babys und allem, was dazu gehörte.
Es war ein Vorgespräch und wir hatten uns alle Möglichkeiten offen gehalten, ja oder nein zu sagen. Erstmal wollten wir diesen ‘komischen’ Journalisten kennen lernen, der da was von uns wollte. Er war in unserem Alter, blonde Haare, ein chaotischer-“ich rasiere mich nur alle zwei Wochen”-Bart und uns in Sachen Humor, Interessen usw. durchaus ähnlich. Nur das Notizbuch in seiner Hand deutete darauf hin, dass wir nicht rein privat da waren.

Die Entscheidung, diesen Artikel zu machen, war alles andere als einfach. Es gab so viel zu berücksichtigen. Würde der Text zum Skandal-Artikel werden? Werden wir vielleicht als perverse Freaks dargestellt und unsere Szene in ein schlechtes Licht gerückt? Und die schwierigste Sache: die Photos; der Artikel sollte ein Personen-Portrait werden und das ging eben nur mit Photos. Aber wie sollte das gehen? Keiner von uns wollte mit seinem Gesicht in einem Magazin erscheinen. Wie es der Zufall manchmal will, sehen es dann die Kollegen und Verwandte, die davon am allerwenigsten erfahren sollen.

Das Photoshooting

Ein riesiges Stativ mit einer übergroßen Kamera, ein Mann im Anzug steht auf einem Tisch und unter der Kamera sitzt ein anderer Mann im Strampler, mit Schnuller im Mund auf dem Sofa. Die Situation sieht grotesk aus.
Der andere Mann, das bin ich. Und im Anzug, das ist Martin, der Photograph. Anzug trägt er immer, nicht den feinen mit Nadelstreifen von Hugo Boss, sondern alles was ihm in die Finger kommt und irgendwie besonders ist. Im grünen Anzug mit seinem großen Hut hätte man ihn fast für einen Jäger in Gardeuniform halten können. Als Krawattennadel dient eine übergroße Sicherheitsnadel. Der rotblonde Vollbart lässt den Anfang-Zwanziger älter erscheinen als er ist.
Ich schaue direkt nach oben in das riesige Objektiv. Martin steht auf meinem Sofatisch und bedient die sündhaft teure Kamera, die er sich für solche Gelegenheiten immer ausleiht. “…und jetzt mal eine Sekunde nicht bewegen… Danke!”. Das Bild ist im Kasten, nur mein Mund, das Kinn und der Schnuller, mehr ist nicht zu sehen. Eldi schaut in die Kamera und checkt, ob nicht doch zuviel von meinem Gesicht zu sehen ist. “Alles OK”, es kann weiter gehen.
Nach vielen Gesprächen untereinander und mit Tiemo und Martin hatten wir uns also geeinigt, wie es laufen soll: Auf den Photos wird niemand von uns zu erkennen sein, und jedes einzelne Bild muss zur Veröffentlichung schriftlich freigegeben werden. Bei Nichteinhaltung steht uns eine nicht unbeträchtliche Geldsumme als Vertragsstrafe zu.
Es wurden viele Bilder gemacht, mit einer oder mehreren Personen, drinnen und draußen; letztendlich überzeugt haben dann nur insgesamt vier Bilder, die es bis ins Magazin geschafft haben.

Das Photoshooting war das Highlight einer Woche im Juni, die komplett im Zeichen des kommenden Artikels stand. Eldi und ich waren die Hauptakteure des Portraits; Schlubi als Eldis Freundin sollte auch Erwähnung finden. Mit jedem von uns wurde ein mehrstündiges Interview gemacht, in dem wir viel aus unserem Leben erzählt haben; wie es dazu kam, dass wir wieder Windeln tragen und klein sein wollen, was das für unser Leben bedeutet und wie wir uns so die Zukunft vorstellen.

Bei Eldi und Schlubi zuhause

Tiemo sieht etwas deplaziert aus in Eldis Arbeitszimmer; er trägt einen gelben Strampler mit Feuerwehrautos, schaut skeptisch und scheint sich nicht ganz wohl in seiner Haut zu fühlen. Ob es am Strampler liegt oder eher an der Jeans und dem T-Shirt, die er sicherheitshalber untendrunter angelassen hat? Die angebotene Windel, die er höflich ausgeschlagen hat, hätte wohl noch weiter zu seinem Unwohlsein beigetragen.
Um Tiemo einen kleinen Einblick in unsere Ageplay-Welt zu geben haben wir ihn zu Eldi und Schlubi nach Hause eingeladen. Es sollte nichts Bestimmtes passieren, keine große Session mit Wickeln, Rollenspielen oder so, sondern einfach nur wir, wie wir halt sind, wenn wir zusammen sind; wenn wir Windeln und Strampler tragen, ein bisschen klein sind und uns einen schönen Abend machen.
Wir haben gekocht und gegessen, getobt, genuckelt und ganz viel Mario Kart auf der Wii gespielt. Am Ende des Abends ging Tiemo heim und fand Windelntragen, Kleinsein und Stramplertragen schon ziemlich normal. Ob er wohl etwas enttäuscht war, dass wir nicht gekrabbelt sind und beim Essen gesabbert haben? Ein bisschen vielleicht, aber Journalisten müssen ja auch nicht alles so genau wissen, was die Kleinen machen, wenn sie unbeobachtet sind.

Das Go-Magazin ist per PDF-Download kostenfrei erhältlich unter:
http://www.reportageschule.de/schule/das-go-magazin/2011-2012/

Eldi, Schlubi und ich möchten uns ganz herzlich beim Autor Tiemo und dem Photographen Martin für die ehrliche und angenehme Zusammenarbeit bedanken. Uns hat es viel Spaß gemacht und es war eine tolle Erfahrung bei einem solchen Artikel mitzuwirken. Vielen Dank auch an alle Freunde, die uns mit Ihren Ratschlägen bei der Entscheidungsfindung unterstützt haben.

Über Linus

Ich bin Wahlberliner und Mitorganisator des Berliner Stammtischs. Wer Interesse am Stammtisch oder den Windelfreizeiten der Windelbabies Community hat, kann sich über das Kontaktformular gerne bei mir melden.

6 Kommentare zu Hilfe, wir sind in der Zeitung – Making of „Forever Young“ (Go Magazin ’12)

  1. Benedikt sagt:

    Wirklich ein toller Artikel! Ich freue mich, dass es noch Journalisten gibt, die ihren Beruf ernst nehmen und beherrschen.
    Wirklich sehr schön geschrieben und sehr faire Arbeit Euch gegenüber! Toll, dass ihr Euch darauf eingelassen habt, danke!

  2. mini-elefant sagt:

    Auf Wunsch habe ich den Artikel nun endlich mal gelesen. Schade, dass er schon zu Ende ist. ^^
    Wann gibt es den zweiten Teil? 😉

  3. wbhh sagt:

    Er ist wirklich sehr Mutig.
    Das könnte ich nicht machen , wegen meinem Job.

  4. Flocke2007 sagt:

    Die Reportage ist echt cool – und trifft in punkto Einfühlsamkeit genau meinen Geschmack. Gratulation den Hauptdarstellern für ihren Mut, und dem angehenden Schreiberling ebenfalls. Hut ab, chapeau…

    Herzliche Grüße aus dem südlichen Nachbarland,

    Flocke 2007

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